Follow me:

1987.

In diesem besagtem Jahr bin ich in der DDR in Weißenfels, einer Kleinstadt im Süden von Sachsen-Anhalt geboren. Bei einem Gewittersturm, wohlgemerkt. Und das ist wichtig. Denn sobald es in der Ferne donnert und sich die Blitze durch meine Schlafzimmervorhänge schleichen, ich meine Bettdecke über den Kopf ziehe und all meine Sinne urplötzlich auf Überlebens-Modus umspringen .
Oft haben mich meine Eltern im Kinderwagen durch die Gegend geschoben und dabei den Zügen gen Westen nachgeschaut. Die große weite Welt haben sie mir trotz allem gezeigt. Erinnern kann ich mich an diese frühe Zeit freilich nicht. Doch sind es die vielen schönen Erzählungen, analogen Fotos und gerahmten Dias, die oft im Projektor flimmern und einem die eigene Kindheit wieder lebendig erscheinen lassen.

Das mag alles nostalgisch klingen und vielleicht ist es das auch. Ich werde bald 30, um mich herum heiraten alle, bekommen Kinder, bauen Häuser schaffen sich Labradors und Golden Retriever an und feilen weiter an der steilen Karriereleiter. Ich hingegen lagere meine Pullis und Hosen in Spindschränken, bin noch immer unschlüssig, ob ich nun lieber Eis oder Schokolade zum Nachtisch haben möchte und kann vom Bett aus das Rennrad meines Freundes an der Wand begutachten. Wir verschieben das Erwachsensein auf später. Irgendwann und ganz bald. Tanzen mit Freunden, denen es ähnlich geht zu den Backstreet Boys und hoffen darauf, dass der DJ doch noch „Hyper Hyper“ spielt.

Und dann stehen sie dennoch plötzlich vor dir. 13-Jährige Mädchen, die dir ihr Smartphone unter die Nase halten, ihren Instagram-Account öffnen und auf den angesagten Highlighter tippen, den die Bloggerin XYZ in ihrem 13876-Follower-Gesicht trägt. Manchmal kommen sie auch in Scharren, wobei man sie dann nicht mehr unterscheiden kann. Denn sie tragen dieselbe Frisur, dieselben Primark-Klamotten und selben Hipster-Turnbeutel, die knöchellangen Jeans und auch die Farben der Nike-Sneaker variieren nur selten. Die kindlichen Gesichtszüge haben sie zuhause sanft zwischen den eingestaubten Plüschtieren abgelegt und stattdessen den Kardashian- Perfektionismus aufgepudert und den Eyeliner nachgezogen. Das Selfie folgt dann in der Gruppenzwang-Masse und wird mehrfach geliket und über WhatsApp verbreitet. Sollte sich im contourten und gestrobten Gesicht dennoch Babyspeck und eine unbefangene Naivität entdecken lassen, wird mit einem der vielen „Mach dich ultramegakrass“-Fitnessprogrammen und den dazu passenden LowCarb-Rezepten nachgeholfen. Natürlich alles less, clean und without.

In all diesen Momenten zeigen sie im Fernsehen eine Großaufnahme von mir, unterlegen die Szene mit dramatischer Musik und entlassen den Zuschauer dann in eine 15-stündige Werbepause. Es ist der Moment, in dem ich mich mit Gummistiefeln im Schlamm stecken sehe. Der Moment, wenn die Sonne untergeht und es Zeit wird zusammen mit der kleinen Schwester mit dem Rad nach Hause zu fahren und die dreckigen Klamotten abzulegen. Der Moment, als man sich in der Schule für den Nachmittag verabredet hat, um den Sommer solange auszukosten wie möglich. Der Moment als man von der Fahrradpedale abrutscht und sich das Knie aufschlägt. Der Moment als man sich mit dem Schlitten überschlägt und die Handschuhe vom vielen Schnee schon ganz nass sind. Der Moment als Freundschaft im Kornfeld besiegelt und Spielplätze aus Bäumen und vielen Kirschen bestanden. Als Kindheit Kindheit war. Ganz ohne Make-Up, Kalorien, Bauchumfang, Smartphones und Instagram-Accounts.

Es war Juli 1987 als ich in Weißenfels während eines Gewittersturms das Licht der Welt erblickt habe. Und was soll ich sagen: Nie zuvor war ich über diese Tatsache glücklicher als in diesen Zeiten.

Previous Post Next Post

You may also like

1 Comment

  • Reply Jule

    Oh Mia wie recht du hast.

    2016/03/07 at 07:50
  • Leave a Reply

    Follow

    Get every new post on this blog delivered to your Inbox.