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Eine Tüte, die für manche die Welt bedeutet.

Klein und unscheinbar wähnt sie ihr Dasein an den Kassen dieser Welt. Hauchdünn, permanent verfügbar, vollkommen selbstverständlich, gratis, bedruckt oder unschuldig weiß trägt sie allein oder wahlweise gleich im 50er Bündel ( weil kostenlos) den Einkauf von fast jedem Kunden nach Hause. Dort angekommen, wird dann der Kaugummi nach der guten alten Matroschka-Methode zunächst aus der Handtasche, dem obligatorischen Jutebeutel, der H&M Plastiktüte und letztlich dem Abreißbeutel gekramt. Er könnte ja auslaufen. Bitte was kann er ?

Vor ein paar Monaten nun flatterte eine Rundmail mit dem Betreff : „Test Auslistung Abreißbeutel“ an alle Filialen unserer Region ins elektronische Haus. Kaum hatte ich die Mail zuende gelesen, verdunkelte sich der Horizont und in der Ferne konnte ich ein tiefes Donnergrollen vernehmen. Ein Vorbote des Bösen umgab mich plötzlich und es schauderte mich.

Zwei Tage später nun wurde der Akt des Auslistens in einer Nacht – und Nebelaktion kurz vor Ladenschluss vollzogen. Sonnenbrille, Pseudonamensschild und Kapuzenpulli inklusive. Vor dem Zubettgehen warf ich nochmals einen Blick auf meinen Arbeitsplan. Dieser
suggeriert mir mit einem fetten Smiley eine Frühschicht für den morgigen Tag. Smiley, dass ich nicht lache.
Acht Stunden später kämpfen sich die ersten Sonnenstrahlen jungfräulich über die Häuserspitzen, vereinzelt spielen ein paar Vögel die ornithologische Variante von Deutschland sucht den Superstar und die Straßenbahnen spucken um kurz vor 8.00 Uhr die ersten einkaufswilligen Kunden an der Haltestelle aus.
Zusammen mit meinen zwei Kolleginnen stehe ich im Kassenbereich. Jeder von uns schielt verstohlen auf die leeren Haken, an denen gestern Abend noch die Abreißbeutel hingen. Keiner möchte (in weiser Voraussicht ) so recht die Tür aufschließen. Bedrohlich blitzt und funkelt jedoch der Türschlüssel in meiner Hand. Ich mache einen Schritt nach vorn und atme nochmals tief ein und aus. Ein letztes Mal greife ich in meiner Kitteltasche nach dem Tarnumhang, den mir mein Buddy Harry Potter per Overnight Express zukommen lassen hat. Nur für den Fall der Fälle.

Kaum drehe ich den Schlüssel im Schloss, versuchen auch schon drei Kinderwagen und fünf Rollatoren gleichzeitig die Filiale zu betreten. Wildes Geschrei, böse Blicke und ausholende Gesten veranlassen mich dazu, meine Winkkellen rauszuholen, die Warnweste anzuziehen und die Einpark- und Rangierhilfe zu spielen. Ohne das nervige Piepen versteht sich.
Schon kurze Zeit später ist es schließlich soweit. Die erste Kundin steht vor mir an der Kasse. An ihrem rechten Handgelenk baumelt eine schwarze Handtasche, in der linken Hand hält sie eine Baumwolltragetasche mit der Aufschrift „Das Leben ist kein Ponyhof.“ Freundlich begrüße ich sie mit einem „Guten Morgen“. Sie erwidert dies nicht und wartet stattdessen mehr oder minder gespannt auf die zu zahlende Summe. Ich nenne ihr den Betrag und nehme das Geld entgegen. Im Augenwinkel sehe ich, wie sie um den Kassentisch herumgeht und mit der rechten Hand in gewohnter Art und Weise nach den Abreißbeuteln greift. Erst einmal, dann ein zweites Mal. Irritiert schaut sie ins Leere. Sie nimmt ihre zwei Artikel in die Hand und läuft nun nicht über Los sondern direkt von Kasse zu Kasse. Genervt kommt sie wieder zu mir zurück: „Sie haben wohl keine kleinen Tüten mehr?“. Ich verneine dies und verweise sie stattdessen auf unsere großen Plastiktüten. Sie lacht kurz auf und sagt: „Tja, da muss ich eben zur Konkurrenz gehen!“. Und noch während sie dies sagt, wirft sie sich die Baumwolltragetasche über die linke Schulter und geht schnellen Schrittes dem Ausgang entgegen. Wahrscheinlich können auch Lippenpflegestifte und Haargummis auslaufen, denke ich und begrüße die nächste Kundin. Auch bei ihrer Ware handelt es sich um vermeintlich hochgiftige, flüssige, klebrige, hochexplosive Chemikalien. Den heißen Scheiß quasi. Der Bezahlvorgang ist abgeschlossen, ich gebe ihr das Restgeld und bin gerade dabei, ihr einen angenehmen Tag zu wünschen, als sie mich barsch unterbricht: „Ich möchte eine kleine Tüte!“. Ich antworte ihr, dass es diese umweltbedingt nicht mehr gibt. „Und wie soll ich jetzt meinen Einkauf nach Hause kriegen? Das kann ich nicht in meine Tasche packen!“ Das läuft sonst aus, spreche ich ihr nach. “Wenn sie nicht in der Lage sind, mir eine Tüte zu geben, dann geb ich die Artikel eben zurück und kaufe sie woanders.“ Ich lasse dies unkommentiert, nehme die Ware zurück, gebe ihr das Geld zurück, verfalle in eine selbstschützende Ohm-Pose und greife nach dem Tarnumhang. Ich sehne meine Pause herbei. Es ist 8.10 Uhr und ich habe gerade die zweite Kundin abkassiert.

Seit diesem Tag sind nunmehr 4 Monate vergangen. Die anfängliche Aufregung hat sich gelegt, die Ware läuft plötzlich nicht mehr aus, die Stoffbeutel werden mehr, die Nachfrage nach dem hauchdünnen Glück weniger.
Alles gut, könnte man meinen. Wäre da nicht diese Mail, die verlauten lässt, dass wir just in diesem Moment die Abreißbeutel wieder im Verkaufsraum anbieten müssen. Der Kunde möchte das so.

Das gleiche Donnern hallt in der Ferne, die gleiche Wolkenformation zieht auf, die gleiche Frühschicht steht an, die gleichen Kunden stehen erwartungsvoll vor der Tür und verdammt nochmal das gleiche Verhaltensmuster wird an den Tag gelegt.
Warum nur greift ihr alle zu? Warum muss eure Creme, die in einen eigens dafür designten, formschönen, ergonomischen Tiegel abgefüllt und in einer bahnbrechenden Umverpackung daher kommt, in eine Plastiktüte eingewickelt und anschließend in eurer Tasche verstaut werden? Seid endlich ehrlich zu euch: Wann ist das Haarspray je in eurer Tasche ausgelaufen? Wann hat euer Kind das letzte Mal Söckchen angezogen, die nach dem Kauf nicht nochmal in der Wäsche gelandet sind? Wann habt ihr die Abreißbeutel wirklich mal wiederverwendet? Müssen immer gleich 30 Stück auf einmal abgerissen werden? Würdet ihr auch zugreifen, wenn sie Geld kosten würden? Passt das Preisetikett für den einzelnen Apfel wirklich nur auf die Plastiktüte? Wollt ihr auf eurer mühsam zusammengesparten Kreuzfahrt whalewatching betreiben oder Fotos mit Plastiktüten für die Daheimgebliebenen schießen? Wollt ihr das Meer rauschen hören oder euch mit dem Kanu durch einen Plastikteppich kämpfen?

Packt sie doch endlich aus, zeigt der Welt eure Ponyhof-Jutebeutel, lasst sie über die Konsumkoppel galoppieren und nach Punkten jagen. Macht sie zu eurem Werbeträger, werdet Hipster und erhaltet so das kleine Fleckchen Erde, welches uns noch bleibt und letztlich euren Konsum noch trägt und zulässt. Macht endlich den Unterschied und sagt bewusst “Nein”!
Niemand wird euch je dafür danken, aber wenn ihr das nächste Mal am Ballermann auf Mallorca sturzbetrunken nach einer durchzechten Nacht am Strand abhängt und den Sonnenaufgang beobachtet, die ersten Sonnenstrahlen auf der Haut kitzeln und das Meer euch entgültig in den Schlaf wiegt, dann just in diesem Moment habt ihr das Richtige getan.

PS: Hier gibt es ein paar Alternativtipps, falls ihr doch plötzlich den Drang danach verspürt, das hauchdünne Glück vom Haken zu reißen:

– Legt euch einen Kalender mit Abreißblättern zu.
– Heuert bei einem örtlichen Kino an und entwertet die Kinokarten am Eingang.
– Bei euch ist momentan Wahl? Prima. Es gibt da so eine Partei, die ihre Plakate gern mit Reimen schmückt. Die könnt ihr getrost abreißen.
– Und es war Sommer: Gänseblümchen geschnappt und Er liebt mich, Er liebt mich nicht gespielt
– Ihr braucht einen Tapetenwechsel? Dann reißt das alte Ding von der Wand.
– Pflaster aufs Knie und einmal ruckartig abziehen.

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4 Comments

  • Reply Diana&family

    Mausi ,
    Du musst zur Zeitung ….
    Dein Talent ist zu offensichtlich!!!!
    Besser hätte man es nie formulieren können :))))))
    Kann man das bitte auf riesengroße Banner drucken oder in kostenlosen Kundenzeitungen veröffentlichen ;))))
    Wir sind bei dir mit der Meinung und völlig “abgeholt” mit diesem Beitrag !!!!

    In diesem Sinne herzlichste Grüße aus der fernen Nähe Diana und der Rest der Bande

    2015/02/16 at 06:38
  • Reply Mama

    Köstlich zu lesen und hoffentlich mit nachhaltiger Wirkung auf das Plastikbeutelvolk

    2015/02/16 at 11:48
  • Reply Lev

    Wusste gar nicht, dass Du auch so schön schreibst! Und dann noch die Botschaft dazu. Feine Sache! Zur Plastikbeutelsituation hier in der Türkei, sage ich erstmal nichts…

    2015/02/16 at 15:45
  • Reply Franse l(i)ebt Meer

    Zur Soziologie der Tüte. Du solltest nach diesen Feldstudien dringend ein Buch schreiben! Menschen sind schlimm und egoistisch, vor allem im Konsum und wenn es irgendwas gratis gibt. Das muss alles keinen Sinn machen und benötigt werden, es muss nur für lau sein. Hat das vielleicht was mit der Steinzeit zu tun? Umsonst und ohne Anstrengung wird das Belohnungszentrum im Hirn noch mehr stimuliert als bei unnötigen Schnäppchen? Weißt du was ich jetzt mache? Ich geh zum Markt mit Jutebeuteln und hoffe du hälst die Daumen gedrückt, dass mein Brot nicht ausläuft. Irgendwie würde ich gern die Blicke sehen, wenn ich beim besten ökobecher-Kaffeefahrrad nach einer Tüte zum Drüberstülpen frage. Übrigens ganz schlimm im Kaffeemetier sind diese Strohhalmmenschen. Selbst beim Bäcker auf dem Land stecken sie ohne Nachfrage einen Plastikhalm in meinen Kaffee.. Genug gemeckert, sehr über deine vielen Zeilen gefreut und im Glauben, dass wir den anderen die Tüten über die Köpfe ziehen werden;)

    2015/02/19 at 11:08
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