Follow me:

Lasse will nicht !

Puls – viel zu hoch, Atmung – viel zu schnell, Stimme – viel zu quitschig, Hände – viel zu schwitzig, ich – viel zu hoch…in der Luft. “Und sie atmen ein und aus und denken dabei Frie-den.” Wieder drücke ich den Repeat-Knopf an meinem Mp3-Player, in der Hoofnung endlich etwas ruhiger zu werden und den Flug in die spanische Sonne zu genießen. Erholung, Vitamin D, wellenförmige Glückshormonschübe, ein sandiges Bett. Nur noch zwei Stunden trennen mich von dieser Wunschvorstellung. Frie-den, pfff.

Vielleicht sollte ich umsatteln und in einem vom Duft der tausend Patchouli-Räucherstäbchen geschwängerten Tonstudio Entspannungsübungen einsprechen. In den Pausen hole ich dann mein Tamburin heraus und knabbere an lustigen Keksen. Nicht zu vergessen die Jesus-Latschen und der “Dagegen”-Button an der abgeschnittenen Jeans. Je mehr ich darüber nachdenke: Happening statt Payback.

Und wieder hüpft das silbergraue Vögelchen auf und ab und holt mich in die klimatisierte Tomatensaft-Wirklichkeit zurück. Der harte Winter hat scheinbar Spuren auf den Straßen der Lüfte hinterlassen. Auch auf Wolke Sieben scheint man derzeit knapp bei Kasse zu sein.

Ein undefinierbarer Geruch durchströmt plötzlich das Flugzeug. Leicht panisch krame ich bereits im Vordersitz nach dem Safety-Kärtchen und nehme die entsprechende Sitzhaltung ein. Automatisch schaue ich nach rechts und links ( soweit dies in eben jener Position möglich ist)… beide Flügel noch dran, auch Rauch kann ich nicht ausmachen. Verstohlen schaue ich mich nach meinen ergrauten Mitpassagieren um. Keine Anzeichen von Panik. Stattdessen friedliches Gemeinschaftsnörgeln.

Ein Blick in den Gang verrät mir schließlich den Grund für den herben Duft.: Delikatessen-Sandwich. Mit oder ohne Käse. “Was darf’s für Sie sein?” . Einmal eine baldige weiche Landung mit Sahne, bitte. Und dazu noch schnellstmöglich eine Toi-let-te, gibt mir meine Blase mit rhythmischen Morsezeichen verstärkt zu verstehen. Mit Schweißperlen auf der Stirn und gekreuzten Beinen- aufgrund der Dringlichkeit- laufe ich der Flugbegleiterin in verschwindend geringer Geschwindigkeit hinter ihrem Delikatessenwagen hinter her. Links und Rechts ziehen die Schnecken mit ihren Pilotenbrillen an mir vorbei. Frie-den, und sie atmen ein und aus. Nur noch zwei Meter und ich habe mein Ziel erreicht. Elfriede hingegen denkt anders. So schnell es ihre Schwimmringe, die von der ein oder anderen Sahnetorte herrühren, eben zulassen, zwängt sie sich ohne Rücksicht auf menschliche Verluste durch die Sitzreihe und vor mir in den Gang. Ihre Speckrollen im Nacken formen ein hämisches Grinsen. Meine verkrampfte Körperhaltung lässt einen Racheakt nicht zu.

Endlos lange Minuten vergehen, in denen ich innerlich die zahlreichen Reiseberuhigungstabletten verfluche. Monoton klopft sich meine Blase in Trance. Plötzlich dann leuchtet der Alarmknopf der Toilette in einem pinken Signalton auf. Mit einer ungeahnten Schnelligkeit rauscht die Flugbegleiterin an mir vorbei. Ach, es geht also doch schneller, denke ich und schicke ihr böse Blicke hinter her. Mit einer kühnen Professionalität und einem suchenden Blick in die sandwichschmatzende Menge ( wo hat er sich versteckt, der obligatorische Arzt an Bord?) hämmert sie gegen die Toilettentür. Die Frisur sitzt, der Lippenstift hält. Elfriede öffnet entgeistert die Tür und kann die Aufregung um ihre Person nicht verstehen. Stattdessen richtet sie sich fragend an die nunmehr genervte Stewardess: ” Eine Frage hätte ich dann aber doch noch. Wo befindet sich denn der Knopf für die Spülung?”. So Missverständnis aufgeklärt, haha, was haben wir gelacht?! LEUTE – Ich muss auf die Toilette ! Und endlich schiebe ich den Riegel vor die Tür und denke Was-ser.

Zurück auf meinem Sitz, nun auch wieder mit einer gesunden Gesichtsfarbe, senkt sich mein Puls merklich und zum ersten Mal auf diesem Flug kann ich eine gewisse innere Ruhe feststellen. Blöd nur, dass über mir bereits die Anschnallzeichen aufleuchten und der Kapitän nuschelnd und knarzend den Landeanflug verkündet.

Teneriffa also lautet das Ziel. Schwarze Strände, ein tosender Atlantik, unberührte atemberaubend schöne Natur, ein Vulkan- allzeit bereit den Luftverkehr lahmzulegen- und Touristen.  Viele Touristen. Hauptsächlich Rentner. Deutsche Rentner. Überall. Ärzte jeglicher Fachrichtung an jeder Ecke und Infoveranstaltungen für’s entgültige Rübermachen. Und Sahnetörtchen in rosa und beige. “Herzlich Willkommen auf dem internationalen Flughafen von Teneriffa. Momentan haben wir eine Temperatur von konstant zwanzig Grad Celsius zu vermelden. Es ist leicht bewölkt, soll aber im Tagesverlauf auflockern. Bitte bleiben Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit noch so lange angeschnallt, bis wir die endgültige Parkposition erreicht haben. Wir bedanken uns, dass Sie sich heute für uns entschieden haben und würden uns freuen, Sie bald wieder hier bei uns an Bord begrüßen zu dürfen!”. Du bist ja lustig, ich muss ja auch noch zurück, denke ich und entsteige dem Origami-Faltprogramm. Nicht jedoch ohne Elfriede gekonnt zurück in ihren plattgesessenen Sitz zu schubsen und ihr ins Gesicht zu flöten: ” Flush ist Englisch und bedeutet Spülung!”

Zwei Stunden später hat er mich endlich wieder, der Erholungsmodus. Ich gebe dem Atlantik einen kumpelhaften Handshake und entschuldige mich zeitgleich für meine lange Abwesenheit. Im Anschluss daran grabe ich meine Zehen in den von der Sonne aufgeheizten schwarzen Lavasand. Mit einem tiefen Atemzug versuche ich die erfrischende Meeresbrise in mich aufzusaugen und für kommende miefige Zeiten zu konservieren. Ich lasse mich rücklings in den Sand fallen und genieße die feinen Körnchen zwischen meinen Fingern. Und sie rieseln ein und aus und denken dabei Frie-den.

Oder auch nicht, denn Lasse kommt. Und das ziemlich nah an mich heran. Seine Familie hat er auch gleich mitgebracht. Klingt komisch, ist aber so. Vier all- inclusive Hintern platschen der Reihe nach in den Sand. Es stiebt meterhoch nach allen Seiten weg. Leise rieselt der Sand vom Himmel auf mich herab und begräbt mich nach und nach unter einer zentimeterdicken Staubschicht. Sogleich macht sich Lasse ans Werk.

Sie haben alles mit an Bord: Strandmuschel, Sonnenschirm ( pink-orange gestreift), Eimer, Schippe, Kühltruhe, Radio, diverse Bälle, Schwimmflügel, Schwimmringe, Luftmatrazen, Kitedrachen, Bücher und ein Faltboot. Richtig, ein Faltboot. Ausgelegt für Wattewellen auf der Müritz. Aber nun gut, Lasse will nun mal unterhalten werden. Blöd nur, dass er sich für all das Equipment kein bisschen interessiert. Vielmehr möchte Lasse lieber den Strandabschnitt erkunden. Die Mutti von Lasse scheint besorgt und tut dies lauthals kund: “Lassssse, nicht so weit weg gehen!”. Lasse stellt auf Durchzug und läuft mit seinen circa vier Jahren so cool es eben geht unbeeindruckt weiter. Ein weiteres Mal ruft die Mutti von Lasse quer über den Strand: ” Lasssssse, möchtest du eine Banane?”. Lasse kommt zwar zurück, eine Banane hingegen möchte er nicht. Auch nicht beim fünften Mal fragen. ich atme erneut mehrmals ein und aus und forme aus den Wolken über mir in Gedanken den Schriftzug Ruhig bleiben, du bist im Urlaub und möchtest dich entspannen.  Die Mutter von Lasse möchte das nicht. Sich entspannen, meine ich. Viel lieber möchte sie weiter schreien, denn ihr Sohn ist der Sonne ausgesetzt. “Lasssse, willst du deine Sonnenbrille aufsetzen?” . Lasse will nicht. Er möchte auch nicht seine Mütze, kein Eis, keinen Saft, nicht mit seinem Geschwisterchen Torben im Sand spielen, nicht ins Wasser, nicht in die Strandmuschel, nicht auf sein Handtuch und erst recht nicht auf seine Eltern hören. Ich hingegen weiß, was ich will. Nämlich weg und zwar schnell. So wie alle anderen Badegäste in unmittelbarer Umgebung auch. Genervt schleife ich also schön synchron mein Handtuch ans andere Ende des Strandabschnittes. Kaum habe ich es mir erneut gemütlich gemacht, verdunkelt sich der Himmel und der Specknacken von Elfriede taucht vor mir auf. Und sie atmen ein und aus und denken dabei Frie-den.

 

Previous Post Next Post

You may also like

2 Comments

  • Reply Schwesterherz

    Die Geschichte kenn ich ja 🙂

    2013/10/03 at 19:52
  • Reply Mama

    absolute Klasse und kein bißchen übertrieben, trotzdem wollen wir da wieder hin

    2013/10/04 at 17:12
  • Leave a Reply

    Follow

    Get every new post on this blog delivered to your Inbox.