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Ode an die Ranunkel

Liebe Ranunkel,

im Januar diesen Jahres habe ich dich und deine Schönheit, das Besondere an dir das erste Mal wahrgenommen. Schüchtern hast du da zwischen all den eingebildeten Rosen gestanden und kaum gewagt, dein blassrosanes, weißes, rotes und gelbes Köpfchen zu heben. Geschweige denn hast du versucht, einen Atemzug zu machen, nur um nicht aufzufallen und die Blicke auf dich zu ziehen. Ich trat einen Schritt auf dich zu und schon wurdest du kleiner und kleiner, dein Köpfchen errötete, deine Blätter nahmen eine leicht bläuliche Farbe an und ich konnte eine leichte Schnappatmung bei dir ausmachen. Mit kleinen Flügelschlägen, die du mit deinen hauchzarten Blütenblättern vollzogst, hast du versucht, dir frische Luft zu zu fächern.

Mit verschränkten, feingliedrigen Blättern standest du nun vor mir und hast all deinen Mut zusammengenommen. Mit – so schien es mir –  ganz kleinen glänzenden Knopfaugen sahst du zu mir hoch, mir direkt in die Augen. Rechts und links von dir entbrannte ein harter Kampf zwischen den hochtoupierten Rosen und den Tulpen mit zu viel Rouge und schlechtsitzenden Frisuren. Das alles lies mich kalt, denn schon längst war es um mich geschehen. Vorsichtig streckte ich meinen Zeigefinger nach dir aus, um dich sanft zu berühren. Kurz, nur ganz kurz durchfuhr es dich und für einen Moment lang sah ich den Blitz zwischen uns aufflammen. Deine anfängliche Scheu verflog zusehends. Behutsam und noch immer vorsichtig, liest du die Streicheleinheiten über dich ergehen. Mit jeder Minute bekam deine Vase, in der du standest, mehr und mehr Schlagseite. Zu viele schüchterne Schönheiten wollten sich nun von mir kraulen lassen.

Plötzlich legte sich ein großer Schatten über die Szenerie und eine Ranunkel nach der anderen verkroch sich so schnell es eben ging in ihr schützendes Blütenblätterkleid. Nur wenige Sekunden später sprach mich die Verkäuferin an und fragte mich, ob ich etwas Bestimmtes suche. Schon längst hatte ich meine Wahl getroffen und dennoch gab ich vor, an den Fresien interessiert zu sein. Nur um den Ranunkeln wieder Luft zum Atmen zu geben und eventuelle Wiederbelebungsmaßnahmen bei besonders schreckhaften Exemplaren durchführen zu können. Aus den Augenwinkeln heraus, konnte ich beobachten, wie sie einander die Blätter ordneten und sehnsüchtige Blicke zu mir herüber warfen.

Gerade als die Verkäuferin nach ein paar – zugegeben – herrlich duftenden Fresien greifen wollte, vernahm ich ein leises Klopfen. Ich blickte zu der Verkäuferin, konnte in ihrem Gesicht jedoch keine Anzeichen erkennen, welche darauf hin deuteten, dass sie das Geräusch auch vernommen hatte. Und doch wiederholte es sich. In einem unbeobachteten Moment schaute ich verstohlen zu den Ranunkeln, die allesamt in ihrer bedrohlich schwankenen Vase auf und ab hüpften, um mir ein Morse-SOS zukommen zu lassen. Ein Lächeln huschte über meine Lippen und ich erlöste sie mit den Worten: “Ich hätte gern all die Ranunkeln dort drüben!” Alle, also wirklich alle? fragte sie ungläubig. “Japp.” antworte ich ihr knapp und wollte den Vorgang damit gern etwas beschleunigen. Grob griff sie in die Vase und zog die ersten Ranunkeln heraus. Es schmerzte mir mein Herz, als ich die ersten filigranen Blütenblätter den Boden entgegen segeln sah. “Nicht doch!” wollte ich ihr zurufen. “Einige sind leider nicht mehr so schön!”  und schon während sie diese Worte aussprach, dachte ich mir, sie waren nie schöner. Sie sind perfekt, nur hast du den Blick dafür verloren und das macht mich traurig. “Möchten Sie noch etwas Grünes dazu?” und wieder verneinte ich. Ranunkeln brauchen kein zusätzliches Chlorophyll, sie brauchen sich und das in rauen Mengen. Und ich brauche sie. Sie nannte mir den zu zahlenden Betrag und wickelte sie anschließend wieder viel zu grob in Papier. In letzter Sekunde konnte ich einen Blick auf eine gelbe Ranunkel erhaschen. Ich gab ihr mit meinem Blick zu verstehen, dass sie nur noch für einen kurzen Moment Haltung bewahren müssten. Sie lächelte mir zu und gab mir mit einem Blattzeichen zu verstehen, dass alles ok wäre. “Viel Freude wünsche ich Ihnen mit den Blumen!” und mit diesen Worten entlas sie mich in die Abendsonne.

Zehn Minuten später schließlich öffnete ich meine Haustür und schlüptfe hinein in die wollige Wärme. Das Papier zwischen meinen Händen hebte sich zu diesem Zeitpunkt bedrohlich langsam auf und ab. Schnell legte ich den Mantel ab und rannte noch mit Schuhen an den Füßen zum Schrank mit den Vasen. Zeitgleich öffnete ich die Schublade, in der sich eine Schere befand und begann hastig obgleich der akuten Atemnot das Papier von den Ranunkeln zu lösen. Mit einem kurzen Schnitt war auch der viel zu enge Faden gelöst und ein entspanntes Seufzen erfüllte den Raum. Auch ich atmete kurz auf und füllte schließlich die Vase mit frischem Wasser. Eine nach der anderen setzte ich behutsam in die Vase. Jede dankte es mir mit einem Lächeln und einem schüchternen Kopfnicken. Ein geeigneter Platz war schnell gefunden und so ließ ich den Tag bei einer heißen Schokolade revue passieren. Mein letzter Gedanke dabei war: Alles ist schöner mit Ranunkeln!

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